Falsche Wahrnehmung der Hitler Attentäter

Der 20. Juli 1944 ist ein Datum, das von vielen als zentraler, heroischer
Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur gesehen wird. Allerdings
ist der Attentatsversuch von Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller 1939
erheblich nobler gewesen, einerseits aufgrund seiner Ziele, jedoch auch
wegen seiner Moralvorstellungen. Eine Veränderung des öffentlichen
Bewusstseins von Elser und Stauffenberg ist schon längst überholt.
Stauffenberg wird nicht nur durch zahlreiche Denkmäler und Straßen geehrt,
auch wird sein Image als Demokrat immer weiter gestärkt. Bei einem
Bericht der Tagesschau vom 20. Juli 2020 wurde er beispielsweise in dem
Beitrag gelobt, versucht zu haben, ein „demokratischeres Deutschland“
aufzubauen. Es wurde jedoch nicht einmal vom „Experten“ erwähnt, dass
seine gewünschte Staatsform sich weit von einer parlamentarischen
Demokratie abspielte.
Georg Elsers Motivation war die Verhinderung eines großen Krieges in
Europa, da er beabsichtigte, nicht nur Hitler, sondern auch weitere
führende Nationalsozialisten umzubringen. Er ging davon aus, dass durch
den Wechsel der deutschen und britischen Regierung 1939 erneute
Friedensverhandlungen Früchte tragen könnten.
Bei Stauffenberg stand der Putsch jedoch im Vordergrund, nicht Frieden.
Dies ist zu erkennen, da er das Interesse Deutschlands und nicht Europas
im Kopf hatte, darüber hinaus hegte er erst Umsturzpläne, als sich die
Kriegssituation gegen Deutschland wendete. Wäre er zusätzlich bereit
gewesen, sich selbst zu opfern, um den Abstand zwischen der Aktentasche
und Hitler direkt zu überwachen, wären die Chancen für das Attentat
wesentlich höher.

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Hitler-Attentäter Stauffenberg

Die Motivation ist ein wichtiges Kriterium bei der zeitgenössischen
Bewertung historischer Persönlichkeiten, es ist entscheidend, dass eine
Machtergreifung durch „Operation Walküre“ wichtigstes Ziel von
Stauffenberg war, Elser hatte kein primäres Interesse an einer deutschen
Regierung seiner Ideologie.
Elsers politische Einstellung wurde bislang auch des Öfteren unter den Tisch
gekehrt. Den Wenigsten ist bekannt, dass er eine kommunistische
Gesinnung hatte. Vielerorts wurde das Resultat des Verhörs durch die
Gestapo als finale historische Quelle angegeben. Georg Elser gab nach
seiner Festnahme an, dass er zwar Mitglied beim Rotfrontkämpferbund, der
Jugendorganisation der kommunistischen Partei, gewesen sei, jedoch nur die
Mitgliedsbeiträge gezahlt habe und sonst keinerlei Ahnung bezüglich der
Gesinnung der KPD gehabt hätte. Hierbei bediente er sich der Taktik, direkt
zuzugeben, was nicht
zu leugnen war und den Rest verharmlosen. Es ist auch ersichtlich, dass der
Einzeltäter sich in einem hohen Maße den Methoden der Gestapo
widersetzen konnte, zusätzlich dazu kommen die Zeugenaussagen, die ihn
mehrheitlich mit einer kommunistischen Überzeugung beschreiben.
Allerdings wurde der britische Geheimdienst als Sündenbock von der
nationalsozialistischen Propaganda ausgemacht, daher wurden diese
Erkenntnisse nicht öffentlich gemacht.
Grundsätzlich ist zu vermuten, dass Georg Elser Kommunist gewesen ist,
jedoch nicht nach der stalinistischen Linie, anders als die meisten deutsche
Kommunisten, die zu der Zeit im Exil oder Untergrund lebten. Beispielsweise
leisteten die französischen Kommunisten erst ab Sommer 1941 erbitterten
Widerstand gegen die deutschen Besatzer, da nun die Sowjetunion
selbsterklärend nicht mehr mit Deutschland verbündet war.
Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg war ein Unterstützer der
nationalsozialistischen Diktatur mitsamt antisemitischer Grundhaltung. Durch
die Wendung im 2. Weltkrieg, spätestens nach der Schlacht um Stalingrad,
sah er immer mehr die Aussichtslosigkeit des Kämpfens. In den 9 Monaten
nach dem Attentatsversuch starben mehr Deutsche als in den Kriegsjahren
zuvor. Während seiner Umsturzpläne ist eine antidemokratische und
nationalistische Haltung eindeutig zu erkennen, wobei unklar ist, welche
konkrete Staatsform er anstrebte.
Es liegt zudem nahe, dass ihm ungeplante Opfer relativ unwichtig waren.
Der christliche Georg Elser war sich der moralischen Komplexität seines
Handelns bewusst, entschloss sich allerdings dazu, ein Übel zu begehen,
um weitere zu verhindern. Obwohl der Kunstschreiner nicht belesen war,
lässt sich klar eine handlungs utilitaristische Denkweise feststellen. Er
versuchte darüber hinaus sicherzustellen, dass unschuldiges Personal bei
der Tat nicht ums Leben kommt. Jedoch waren Ablaufänderungen des Tages
nicht nur der Grund dafür, dass der Attentatsversuch scheiterte, sondern
auch einige Menschen mehr als beabsichtigt getötet wurden.
Die Kriegslage Juli 1944 sah sehr kompliziert aus und es ist
unwahrscheinlich gewesen, dass Stauffenberg sich an die Spitze eines
neuen Deutschland hätte setzen können. Militärisch glückte die Landung in
der Normandie einen Monat zuvor, im August wurde Paris befreit, Oktober
1944 fiel Aachen als erste deutsche Stadt in alliierte Hände. Die Forderung
auf eine bedingungslose Kapitulation seitens der Alliierten bestand bereits,
da scheint der Einfluss eines Offiziers der Wehrmacht an einen neuen Staat
höchst unwahrscheinlich. Wäre hingegen Elsers Plan geglückt, gäbe es eine
realistische Chance auf die Eindämmung des Weltenbrandes, da sich der
Konflikt zu dem Zeitpunkt noch nicht in einen Weltkrieg ausgeweitet hatte.
In der vergangenen Zeit habe ich viele gefragt, ob sie Stauffenberg kennen,
wobei fast alle bejahten und zumindest etwas Kontextwissen um diese
Person ausführen konnten. Georg Elser dagegen kannte fast niemand, dabei
gab es bereits in den 90er Jahren einen Aufschwung hinsichtlich seines
Bekanntheitsgrades.
Ein Paradigmenwechsel im Bereich der Symbolfigur für Widerstand gegen
Hitler ist längst überfällig, Georg Elser verdient mehr Würdigung.